Indien Intensiv

Versucht man Indien mit einem Wort zu beschreiben, so fällt einem die Wahl schwer. „Farbenfroh, laut und gastfreundlich“ sind geeignete Kandidaten; sie beschreiben jedoch jeweils nur einen Teilaspekt und werden der Gesamtheit des Landes bei weitem nicht gerecht. Will man Indien tatsächlich auf einen einzelnen Begriff reduzieren, so kann dies nur das Wort „intensiv“ sein. Denn in Indien ist alles intensiv. Das Land gibt sich in keinem Bereich nur mit halben Sachen zufrieden.
Neun Schüler des Johannes-Turmair-Gymnasiums durften auch dieses Jahr wieder die Intensität Indiens erfahren und besuchten zwei Wochen lang zusammen mit ihrem Lehrer Wolfgang Pöschl die Lotus Valley International School in Noida in der Nähe von Neu Delhi. Ziel des interkulturellen Austausches war diesmal, die Architektur Indiens genauer zu betrachten und mit den verschiedenen Stilepochen in Deutschland zu vergleichen.
Bereits im Mai wurden daher zusammen mit den indischen Gastschülern die Straubinger Kirchen, Regensburg, Nürnberg und München besucht. Von römischen Baustilen über Gotik bis hin zur Moderne konnten die Teilnehmer damals zahlreiche Baudenkmäler analysieren (Indische Schüler entdecken die Architektur Bayerns).
Ende Oktober begann nun der indische Teil des Austausch-Projekts. Während des gesamten Ausland¬aufenthaltes wurden zahlreiche Exkursionen zu herausragenden Stätten indischer Architektur abgehalten - angefangen mit den Bauwerken der Großmogule, welche ab dem 16. Jahr¬hundert den indischen Subkontinent beherrschten. Ihre Befestigungsanlagen (Red Fort), Grabmale (Humayun-Mausoleum) und astronomischen Sternwarten (Jantar Mantar) werden teilweise dem UNESCO-Weltkulturerbe zugerechnet. Das bekannteste der besuchten Bauwerke dürfte dabei das in Agra befindliche Taj Mahal gewesen sein. Die Schüler durften dort die meisterhaften Einlegearbeiten aus Halbedelsteinen bewundern und konnten kalligraphische Verzierungen neben typischen indischen Symbolen wiederfinden. In Neu Delhi besichtigten die Turmair-Schüler außerdem das imposante Parlamentsgebäude, das als Beispiel des britischen Kolonialbaustils angesehen werden kann. Am eindrucksvollsten empfanden viele jedoch die zahlreichen Tempelanalagen. Deren Ausstattungsmerkmale reichen vom schlichten, in weiß gehaltenem Marmor des Lotus-Tempels über die 20.000 verschiedenen Sandsteinstatuen des pompösen Akshardham-Tempels, der im Guinness Buch der Rekorde als weltweit größte hinduistische Tempelanlage verzeichnet ist.
Zwischen den offiziellen Besichtigungstouren blieb den Teilnehmern viel Zeit, die Kultur des fremden Landes kennen und lieben zu lernen. Angeleitet von verschiedenen Musiklehrkräften wurden hinduistische Mantras eingeübt oder seltsam klingende Percussioninstrumente ausprobiert. Zum großen Glück der Schüler fiel der Besuch in Indien in die Zeit des Lichterfestes Diwali. So war es den Schülern vergönnt, in den Familien an den uns fremdartig anmutenden Zeremonien teilzunehmen, die den Göttern Ganesha und Lakshmi geweiht waren. Da jede Gastfamilie diese Tage je nach Tradition unterschiedlich verbringt, konnten die Schüler eine Vielzahl von eindrucksvollen religiösen Riten (Pujas) kennenlernen und sich später in der Schule darüber austauschen.
Auch die Freizeit wurde gut genutzt: Neben den obligatorischen Besuchen in den Shopping Malls Noidas - diese werden zu den größten Asiens gezählt - betätigten sich die JTGler auch sportlich. Neben Fußball und Bowling war auch Indoor-Schlittschuhlaufen eines der beliebten Aktivitäten der Schüler. Kinobesuche, Ausflüge ins Vogelreservat oder einfach nur einen Abstecher zur nächsten Gastfamilie gehörten ebenfalls zum Austausch-Alltag. Als liebste Freizeitbeschäftigung kann jedoch das Essen angesehen werden, von dem es in Indien stets reichlich gab. Die indischen Gasteltern versuchten die Zuneigung zu unseren deutschen Schülern durch eine überaus reichhaltige Gabenbereitung auszudrücken. Vegetarische Linsengerichte wie Dal makhani, verschiedene Fladenbrote (Chapati, Naan oder Paratha) oder Butterchicken und das mit Kartoffeln gefüllte Masala Dosa sind nur einige Namen der häufigsten Gerichte der indischen Küche. Die ganze kulinarische Vielfalt zeigt sich jedoch erst bei den Süßigkeiten, die während des Diwali-Fests von Indern und Deutschen zu Unmengen vertilgt wurden.
Indien war und ist wahrhaftig intensiv! Die Gerüche der Küche und der Räucherstäbchen, die Prunkbauten der Großmogule und die heutigen Konsumtempel! Der intensive Lärm, die Luftverschmutzung und die überall sichtbare Armut, aber auch ein intensives Familienleben, ein enormes Streben nach guter Schulleistung und eine, vollkommen in den Alltag integrierte Religiosität! All das und vieles mehr, konnten die Schüler in den zwei Wochen des Austauschs erfahren. Die Eindrücke, die sie dabei erhielten und die Freundschaften, die sie in dieser Zeit schlossen werden sie noch ein Leben lang begleiten.